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Ein Herz geht auf Reisen

Neulich war ich auf einem Seminar im hessischen Rheingau. Dort hatte ich das Glück, eine wunderbare Geschichte zu hören. Diese hat mich derart berührt, dass ich sie gern mit Ihnen teilen möchte.

Ein Teilnehmer berichtete mir von einer Veranstaltung, die er vor einigen Jahren besucht hatte. Im Rahmen einer zeremoniellen Abendveranstaltung wurden die besten Berater eines Bankhauses vor einem großem Publikum geehrt. Im Saal nahmen gestandene Kundenberater mit wertigen Anzügen, glänzenden Schuhen und gestriegelten Frisuren Platz. Alle waren in Erwartung der bevorstehenden Laudatio für den erfolgreichsten Berater des vergangenen Jahres.

Nach langem gespannten Warten nannte der Moderator unter klatschendem Beifall des Publikums den Namen des Gewinners und bat diesen auf das Podium. Einige schienen sichtbar überrascht. Es trat ein leicht untersetzter Mittdreißiger auf die Bühne. Das Sakko war offenbar eine Nummer zu groß, die Sohlen der Schuhe abgelaufen, die Frisur für einen solchen Anlass äußerst experimentell anmutend und dazu kam eine schlaffe Körperhaltung. Bei manchen Gästen machte sich Verwunderung breit. Der Moderator fragte den jungen Mann, was ihn so erfolgreich mache, doch dieser blieb achselzuckend eine Antwort schuldig.

 

Das Geheimnis des Siegers

„Aber es muss doch etwas geben, was Ihren Erfolg erklärt! Sie stehen nun zum dritten Mal in Folge als Sieger auf dieser Bühne. Was ist Ihr Geheimnis?“, fragte ihn der Moderator fordernd. „Nun ja, ich kann es Ihnen gar nicht so genau sagen“, antwortete der sichtbar verunsicherte Preisempfänger. „Aber vielleicht kann ich Ihnen eine Geschichte hierzu erzählen.“ Die Menge lauschte gespannt.

„Meine älteste Kundin ist 75 Jahre alt. Ich betreue sie seit nunmehr 15 Jahren. Vor drei Jahren hat sie ihren Mann verloren und lebt seitdem alleine in ihrem Haus. Zweimal im Monat verabreden wir uns, meistens am Montagnachmittag. Wir essen dann gemeinsam ein Stück Kuchen am Esstisch ihres Wohnzimmers und reden in gemütlicher Atmosphäre. Früher buk sie selber, mittlerweile bringe ich uns den Kuchen mit, was sie sehr freut. Am vergangenen Montag redeten wir besonders intensiv. Sie erzählte mir viel von ihrem Mann und von den vielen unvergesslichen gemeinsamen Erlebnissen mit ihm. Als sie in die Küche ging, um Kaffee nachzuschenken, sah ich eine Schallplatte von Roger Whittaker auf dem Plattenspieler liegen. Ich sprach sie hierauf an und fragte sie nach ihrem Lieblingslied von Roger Whittaker. Sie erklärte mir, dass dieser der Lieblingskünstler ihres Mannes war und sie am liebsten zu ‚Ein Herz geht auf Reisen‛ gemeinsam tanzten. Ich erwiderte, dass ich diesen Titel aus meinem eigenen Elternhaus gut kannte und fragte sie, ob es ihr etwas ausmache, die Schallplatte aufzulegen. Sie freute sich sehr über meinen Vorschlag und so kam es, dass wir gemeinsam ‚Ein Herz geht auf Reisen‛ hörten und jede einzelne Strophe mitsangen, was uns beiden großen Spaß bereitete.

Als ich mich anschließend an der Tür von ihr verabschiedete, sagte sie mir mit einer Träne im Auge, dass dies ein wundervoller Moment für sie gewesen sei und sie sich seit Jahren nicht mehr so wohl gefühlt habe. Genauso wohl wie in diesem Augenblick fühle sie sich auch mit meiner Beratung in den letzten Jahren, und fragte mich ob es möglich sei, noch weitere Teile ihres Vermögens zu betreuen. Sie habe noch eine weitere Bankverbindung, wolle diese jedoch zu Gunsten unserer Bank auflösen. Es seien diese speziellen Momente, die ihr zeigten, dass ich der richtige Vertrauenspartner an ihrer Seite sei. Ich erwiderte und gab ihr mein Versprechen, mich auch weiterhin bestmöglich um sie zu kümmern. So wie ich es bereits seit vielen, vielen Jahren tue.“

 
Für einen Moment herrschte absolute Stille im Saal, so dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Dann brach sturmartig tosender Beifall aus und die Menge applaudierte dem immer noch sichtlich verunsicherten Banker im Stehen. So laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstand.

 

Was Erfolg ausmacht

Mich hat diese Geschichte sehr berührt, denn sie sendet eine klare Botschaft. Es war weder ein teurer Anzug noch ein perfektes stilsicheres Auftreten, was diesen Menschen so erfolgreich machte.
Es war vielmehr ein Maß an hoher Empathie, Vertrauen und Beratung auf Augenhöhe.

Wie denken Sie hierüber und welche Erfahrungen haben Sie in Ihren Gesprächen gemacht?

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